Im vergangenen Jahr haben multinationale Unternehmensgruppen den Übergang von der Analyse der potenziellen Auswirkungen von Pillar Two hin zur praktischen Umsetzung vollzogen. Für viele Organisationen markierte das Jahr 2026 die erste umfassende Anwendung der neuen Vorschriften, einschliesslich der Erstellung von Berechnungen zur Qualified Domestic Minimum Top-up Tax (QDMTT) sowie der ersten Meldepflichten im Rahmen des Global Information Return (GIR). Mit dem Abschluss dieser ersten Einreichungen zeichnet sich nun ein klareres Bild der operativen, regulatorischen und strategischen Herausforderungen ab, die mit dem globalen Rahmen für die Mindestbesteuerung verbunden sind.
Die Umsetzung geht über rein steuerliche Fragestellungen hinaus
Während der Schwerpunkt zunächst vor allem auf dem Verständnis der technischen Regelungen lag, hat die erste Umsetzungsphase gezeigt, dass die grössten Herausforderungen häufig operativer und nicht rein steuerlicher Natur sind. Viele Unternehmensgruppen haben erheblichen Aufwand betrieben, um Daten zusammenzuführen, Rechnungslegungsinformationen über verschiedene Jurisdiktionen hinweg abzustimmen und Prozesse zur Erfüllung der Berichtsanforderungen einzurichten. In der Praxis hat sich Pillar Two zu einem bereichsübergreifenden Projekt entwickelt, an dem Steuer-, Finanz-, Rechnungswesen-, Rechts- und Technologieteams beteiligt sind.
Zentrale Erkenntnisse aus der ersten Umsetzungsphase
Vereinfachungen und Safe-Harbour-Regelungen sind von grosser Bedeutung
Eine der wichtigsten Entwicklungen im Jahr 2026 war der anhaltende Fokus der OECD auf Vereinfachungsmassnahmen. Das jüngste Vereinfachungspaket der OECD führte zusätzliche Safe-Harbour-Regelungen und praxisorientierte Mechanismen ein, die darauf abzielen, den Compliance-Aufwand für berechtigte multinationale Unternehmensgruppen zu reduzieren. Die Schweiz hat diese Entwicklungen in ihre jüngsten Verwaltungsrichtlinien aufgenommen und den Steuerpflichtigen dadurch mehr Rechtssicherheit hinsichtlich ihrer Anwendung verschafft. Für viele Organisationen dürfte das Verständnis dieser Vereinfachungen und deren sachgerechte Anwendung künftig zu den wirksamsten Hebeln gehören, um Compliance-Kosten und den administrativen Aufwand zu begrenzen.
Die Schweiz ist in die operative Phase eingetreten
Die schweizerische Qualified Domestic Minimum Top-up Tax (QDMTT) ist seit 2024 in Kraft, während die Income Inclusion Rule (IIR) seit 2025 Anwendung findet. Im Jahr 2026 veröffentlichte die Eidgenössische Steuerverwaltung weitere Praxishinweise zu Themen wie latenten Steuern, Safe-Harbour-Regelungen und der Umsetzung der neuesten OECD-Entwicklungen. Der Schwerpunkt hat sich damit von der gesetzlichen Einführung hin zur praktischen Anwendung, zur Erfüllung der regulatorischen Anforderungen und zur konsistenten Umsetzung zunehmend detaillierter Vorgaben verlagert.
Der Umsetzungsaufwand wird zunehmend sichtbar
In den ersten Diskussionen rund um Pillar Two standen vor allem potenzielle Ergänzungssteuerbelastungen im Fokus. Nach der ersten Umsetzungsphase haben viele Unternehmensgruppen jedoch festgestellt, dass der operative Aufwand zur Einhaltung der Vorschriften ebenso bedeutend sein kann wie die steuerlichen Auswirkungen selbst. Die Erhebung und Aufbereitung von Daten, die Dokumentation von Positionen, die Überwachung der Voraussetzungen für Safe-Harbour-Regelungen, die Erfüllung von Meldepflichten sowie die Koordination verschiedener Beteiligter über mehrere Jurisdiktionen hinweg erfordern häufig erhebliche interne Ressourcen. Mit Blick auf die kommenden Berichtsperioden prüfen viele Organisationen daher, wie sich ihre Prozesse effizienter gestalten lassen, ohne dabei auf angemessene Kontroll- und Transparenzstandards zu verzichten.
Über die Einhaltung der Vorschriften hinaus
Auch wenn die Erfüllung der Meldepflichten zunächst im Vordergrund stand, befassen sich multinationale Unternehmensgruppen zunehmend mit den weiterreichenden Auswirkungen von Pillar Two. Investitionsentscheidungen, Steueranreize, Akquisitionsstrategien und die Struktur von Gesellschaften können durch den neuen Regelungsrahmen beeinflusst werden. Viele Gruppen prüfen daher, ob ihre bestehenden Strukturen unter den Rahmenbedingungen von Pillar Two weiterhin zweckmässig sind und wie künftige Transaktionen sowohl aus steuerlicher als auch aus operativer Sicht bewertet werden sollten.
Mit zunehmender Praxiserfahrung wird sich die Diskussion voraussichtlich von der reinen Einhaltung regulatorischer Anforderungen hin zu strategischen Fragestellungen verlagern. Für Steuerverantwortliche, Finanzteams und Verwaltungsräte besteht die Herausforderung künftig nicht mehr nur darin, die Regelungen zu verstehen, sondern auch deren Auswirkungen auf zukünftige Geschäftsentscheidungen zu beurteilen.
Worauf führende Unternehmensgruppen ihren Fokus nun richten
Nachdem viele Organisationen ihren ersten Berichtszyklus im Rahmen von Pillar Two abgeschlossen haben, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend von der Umsetzung hin zur Optimierung. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Verbesserung der Datenqualität, die Integration der erforderlichen Prozesse in bestehende Reporting-Strukturen, die Prüfung der Voraussetzungen für verfügbare Safe-Harbour-Regelungen sowie die Bewertung der langfristigen Auswirkungen von Pillar Two auf Investitions- und Geschäftsmodelle.
Für viele Unternehmensgruppen besteht die nächste Herausforderung nicht mehr darin festzustellen, ob sie in den Anwendungsbereich der Regelungen fallen, sondern sicherzustellen, dass die Erfüllung der regulatorischen Anforderungen langfristig effizient und nachhaltig organisiert werden kann.
Fazit
Der erste Umsetzungs- und Berichtszyklus hat gezeigt, dass Pillar Two keine künftige Steuerreform mehr ist, sondern für viele multinationale Unternehmensgruppen bereits operative Realität geworden ist. Auch wenn die technischen Berechnungen weiterhin von zentraler Bedeutung sind, liegen die wesentlichen Herausforderungen zunehmend in den Bereichen Datenmanagement, Berichtsprozesse, Ressourcenallokation und langfristige Planung.
Mit dem Übergang von der Einführungsphase in den laufenden Betrieb werden jene Organisationen den grössten Nutzen aus dem ersten Umsetzungszyklus ziehen, die nicht nur ihre Meldepflichten erfüllt haben. Entscheidend ist vielmehr, die Erfahrungen aus diesem Prozess zu nutzen, um die Datenqualität zu verbessern, Abläufe effizienter zu gestalten und steuerliche Überlegungen stärker in die unternehmerische Entscheidungsfindung zu integrieren.